Der Fortpflanz ist ein Alien - 27.03.2010


Ich versuche zu schreien. Es gelingt mir nicht. Nur ein hässlicher kleiner Fiepslaut. In dem Pizzakarton, den ich gerade in den Altpapier-Container gleiten lassen will, liegt sie, die 2700-Euro-Zahnspange des Fortpflanzs. Gestern haben wir das Ding ungefähr zwei Stunden lang gesucht. Der gesamte „Tatort” ist dabei drauf gegangen, dabei war noch dazu Leipzig dran und Martin Wuttke ist mit Abstand der steilste Kommissar in all diesen pothässlichen „Tatort”-Städten. „Chillax,“ hatte der Fortpflanz angesichts meiner in die Hysterie gleitenden Gesichtszüge „volle gebored“ angemerkt, „sie muss ja irgendwo sein.” Genau – sie war auch irgendwo, nur lag dieses Irgendwo unter einem Gebirge von H & M-Cocktailfähnchen begraben und...Egal. In Wahrheit bin ich schon längst nicht mehr der Meinung, dass dieser Sargnagel mein Fleisch und Blut ist, sondern ein Alien, der von finsteren, exterrestrischen Mächten auf unseren Planeten gesandt wurde, um die nervliche Belastbarkeit von noch zu lustigen Erdenbürgerinnen zu überprüfen. Gratulation, Sargnagel, Punkt, Satz, Sieg – ich habe mit dem heutigen Zeitpunkt keinen emotionalen Cent mehr auf meinem Nervenkonto. „Du musst ihr Grenzen setzen,” versorgt mich der Kindsvater aus einem kilometerweiten Sicherheitsabstand mit binsenschweren Superdaddy-Ezzes, „ich würde ihr das alles nicht durchgehen lassen.” Sanktionen sind gut, aber aus, Schlaumeier. Es gibt ohnehin schon kein Taschengeld, ein gesperrtes Handy, Ausgehverbot und einen Laptop in einem so ausgeklügelten Versteck, das ich mich selbst nicht mehr genau daran erinnern kann. Ich bin so erschöpft, dass ich nicht einmal mehr Kraft für Zoff besitze, als das Kind abends mit Lämmchenblick nach Hause kommt. „Was ist los?” fragt der Fortpflanz jetzt, „du schreist ja gar nicht. Bin ich dir egal? Oder ist sonst was Schlimmes passiert?”

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