Nirgends Gerechtigkeit - 08.05.2010

„Wie war sie denn so, meine Tante Lou?” fragte ich den Erfolgsautor, der vor einem halben Menschenleben als Greenhorn bei meiner Großtante das Zeitungsgeschäft erlernt hatte. „Nun ja,” lächelte er sehr wissend, „eine durchwegs pikante Person.” Wie sich nach mehreren Bohrdurchgängen herausstellen sollte, hatte Tante Lou, die sich damals ihrem Fünfziger bereits von der ganz falschen Seite näherte, in ihrer Position als Chefredaktrice eines kleinen Frauenblatts, ihre Entwicklungshilfe auch nach Druckschluss durchaus engagiert betrieben. Zumindest, was den männlichen Nachwuchs betraf. Eine Demi Moore ihrer Generation quasi. Die emanzipatorische Frivolität meiner Großtante machte mich jetzt fast ein bisschen stolz. Schließlich hatten sich ihre Geschlechtsgenossinnen ihre Erfolgserlebnisse beim Erstellen von Backwerk und der Schnäppchenjagd auf dem Waschmittelsektor geholt. Tante Lou hatte alles getan, was in dieser Periode auf der weiblichen Verbotsliste ganz oben stand: Sie machte Karriere, hatte sich ihr früh verstorbenes Kind von einem Mann machen lassen, der nicht ihr Gatte war (dem hatte sie zuvor den Wanderstab in die Hand gedrückt) und krallte sich im Spätsommer des Lebens Unschuldsherren. Die traurige Nachricht: sie starb früh und einsam. Der Preis der Freiheit, der depperte.... „So wirst du auch enden,” sagte der Fortpflanz später, „aber bitte sei so fesch und verschon’ mich mit solchen hormonellen Eskapaden. Es wäre unaussprechlich peinlich!” „Chillax,“ antwortete ich dem Kind, „ich habe das Dramolett Entwicklungshilfe bei deiner Tante F erste Reihe fußfrei beobachten dürfen – nein danke!” – „Was war da?” – „Kaum hatte sie das Männchen zum Mann gemacht, wollte es seine neuen Fertigkeiten an jüngeren Frauen ausprobieren.” – „Nirgends Gerechtigkeit,” seufzte das Kind. Und hatte so Recht.


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