Persönlichkeitsstörungen von Prada - 26.06.2010


Hilfe! Spießeralarm. Wer ist diese Fremde in meiner Haut? Ich habe neuerdings atompilzgrüne Ordner für Versicherungspolizzen, Kontoauszüge etc. Ich habe diese Ordner auch griffbereit, Ich bin nahezu pünktlich. Meine Mutter hielt mich anfangs für eine Geistererscheinung, als ich unlängst zehn Minuten zu früh bei einer Familienfeier eintrudelte. „Geht’s dir nicht gut,” fragte sie besorgt. Ich stelle rechtzeitig Ratenansuchen bei Finanz und Krankenkassa. Früher waren die Exekutoren Stamm-Kaffeegäste in meiner Küche. Ich kannte ihre Kinder mit Vornamen. Ich habe ein Schlüsselbrett. Dort baumeln auch neuerdings überraschenderweise Schlüssel. Ein Fünftel meiner bisherigen Lebenszeit habe ich mit dem Suchen von Schlüsseln, Geldbörsen und Erlagscheinen vertrödelt. „ Abbau von selbstzerstörerischen Mechanismen“ nennt das mein Seelen-Doc. Die Therapie greift so, dass ich sogar jenen Männertyp (egomanisch, beziehungsparanoid, glutäugig), auf den ich mich früher wie Trend-Doyennen auf die neue Prada-Kollektion gestürzt habe, zum Gähnen langweilig finde. Wenn das so weiter geht, werde ich noch ein Fall für ausgeglichene Beamte mit Hobbies wie Bierdeckelsammeln und Orchideenzucht. Bevor ich vollends in Vernunft ergraue, beschließe ich feierlich, mich in gewissen Dingen unter gar keinen Umständen zu bessern: Kein Schlaf vor Mitternacht, in Ausflugslokalen sicherlich nicht nur ein Getränk und all der Yoga- und Pilates-Irrsinn muss ab und zu mit cholesterinreicher Nahrung wie einem goldbraunem Schnitzel im „Anzengruber” kompensiert werden. Und ab und zu ein Geplänkel mit einem Mann, der gestohlene Pferde auch nicht wieder nach Hause bringt, sollte auch noch drinnen sein. „Mama, du wirst ein bisschen zwänglerisch,” findet der Fortpflanz, „aber gegen Persönlichkeitsstörungen soll es jetzt schon sehr gute Medikamente geben.

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