Alles wie in der Sandkiste - 20.03.2010
Hochaufgeschlagener Mantelkragen, radikale Schuhspitzen-Orientierung in der Blickgerichtetheit, hastiger Schritt. Ich fasste es nicht. Der Mann, den ich vor drei Tagen intensiv bei einer Geht’s-noch-irgendwie-Frau-Rosenkranz-Veranstaltung kennen gelernt habe, inklusive heftigem Elektropost-Verkehr als Nachspiel, würdigt mich keines Blickes. Da geht er auf der anderen Straßenseite und bemüht sich so sehr, mich nicht zu sehen, dass K, die Zeugin der Anbahnungsgespräche war, laut hinüber brüllt: „Was wurde eigentlich aus der lieben, zivilisatorischen Errungenschaft des Grüßens?” Jetzt mimt er auf Löwingerbühnen-Niveau Überraschung und macht dennoch keinerlei Anstalten, die Straßenseite zu wechseln. „Ganz klarer Fall,“ erklärt sie, „dem Typ bist du sowas von nicht egal.” „Entschuldige bitte,“ fauche ich entnervt, „das war die größte narzisstische Kränkung in der Neigungsgruppe Zwischengeschlechtlichkeit seit dem Kindergarten...” „Ach, auch damals, in der Zellulitis-Freiheit lief es schon nicht so gut?“ „Nicht gut ist gar kein Ausruck. Der kleine Seppi, dem ich mein ganzes Dreh& Drink-Kontingent aus freien Stücken um den Bauch gebunden habe, hat mir in der Sandkiste regelmäßig meine Prinzessinnen-Forts zerstört. Erst 30 Jahre später hat er mir in Glatze und an Bauchranzen erklärt, dass ich seine erste große Liebe war.” „Da siehst du’s! Übertriebene Abneigung bedeutet verdrängte Zuneigung.” „Aber, Schatzi, das kann doch bitte nicht sein, dass sich nach der Sandkiste in der Jungs-Abteilung nichts mehr ändert?” „Es wäre günstig, wenn du dich mit dieser Tatsache wenigstens in der zweiten Lebenshälfte arrangieren könntest. Nämlich vor allem für dich.” Sie hat leider Recht. Wahrscheinlich schafft man es nur so, diesen ganzen Irrsinn nicht mehr persönlich zu nehmen.
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