LESEPROBE „VENUS IM KOMA”

„Amor, du Drecksau!” Nichts, gar nichts. Sie brüllte noch einmal. Diesmal auf richtigem Waschweiber-Niveau. Noch mehr nichts. Die diensthabenden höheren Mächte dürften in Sonntagslethargie vor sich hin lottern. Dann hörte sie eine Wagentüre zusacken. Max wollte offenbar ernst genommen werden.
Theatralisch sachlich hatte er sich vor seinem Abgang ein Taxi bestellt.
„Jaja”, hatte sie sich gedacht, „mach” nur, Schatzerl. Mit der Nummer nehmen’s dich vielleicht beim Mörbischer Operettensommer, aber mir brauchst du so nicht zu kommen. Ich, ich bin nämlich ein Profi. Und du ein rührender Amateur.” Doch auch rührende Amateure haben offenbar ihre hinterhältigen Tage. Aber dass sie sich für die ausgerechnet einen Sonntag aussuchen müssen.
Sonntag war von allen Tagen im Angebot mit Abstand der allergemeinste, um verlassen zu werden. Ein Donnerstag hingegen würde sich als optimaler Verlassen-Werdens-Tag gerade zu aufdrängen. Da vibrierte Polly bei „Flash” üblicherweise noch im Deadline-Adrenalin und konnte sich gar nicht vorstellen, dass es außerhalb des Universums von „Flash” und seinem obersten Befehlshaber Anatol Grünberg irgendeine Form von wertem Leben geben konnte.
An diesen fortgeschrittenen Donnerstagen saß ihr Herausgeber nämlich gerne mit aufgekrempelten Hemdsärmeln in seiner Designer-Hölle von einem Büro in prächtiger Republik-Erschütterungs-Laune. Falls Telefonprotokolle von den DKT-artigen Spielchen eines Ex-Finanzministers aufgetaucht waren. Oder Polly irgendeinen Soap-Star dazu gebrachte, der Weltöffentlichkeit Essstörungen und depressiven Seelenschübe zu beichten. Anatol liebte es, wenn in seinem „Flash” die Pappnasen der ersten und manchmal auch erstbesten Gesellschaft „spazieren gefotzt” wurden, wie er das nannte..
Stahlhelmpflicht war bei Anatol jedoch angebracht, wenn das Heft „vor lauwarmen Lulu-Aufsatzerln” strotzte, wie er das nannte. Dann konnte er so umgänglich wie eine Tarantel werden. Und Polly hatte mehrere Tarantel-Wochen hinter sich. Die Kräfte hatten sie schon seit geraumer Zeit verlassen. Das heftig pubertierende Kind, nicht zu vergessen der Mann, der sie mit seinem Phlegma in Sekundenschnelle auf Temperaturhöhe Hysterie bringen konnte. Und jeden Montag wieder ins Hamsterrad bei „Flash” – noch eine Geschichte, in der eine von einem Vorzimmer-Luder betrogene Politikergattin mit Psychopharmaka-schwerer Stimme erklärte, dass man „in aller Freundschaft auseinandergehen” werde und der Hansi/Kurt/Helmut „zwar ein wunderbarer Vater und Mensch ist, aber man sich eben auseinander gelebt hat.” In Wahrheit war sie eine journalistische Sondermülldeponie für A bis D-Promis, die sie mit manchmal gar nicht geheucheltem Mitgefühl dazu bringen musste, Dinge von sich preiszugeben, die sie eigentlich unter allem Umständen für sich behalten hatten wollen. Eigentlich war sie in dieser Disziplin Spitzenklasse. Eigentlich. In letzter Zeit aber eben nicht. Eigentlich gar nicht........
„Wir sollten uns trennen”, hatte Max gesagt. Punktum. Nicht nur für eine Zeit lang, oder ein paar Wochen. Irgend sowas mit ein bisschen Farbe der Hoffnung eben. Nein, hier war null Ausblick angesagt. Und natürlich  hat sie sofort die Frage aller Fragen gestellt: „Wer ist die Frau?” Eigentlich wollte sie Trampl sagen. „Wer ist der Trampl?”, entsetzlich, zum Selberschämen, gerade noch hatte sie den Trampl abgefangen. Viel zu unelegant, wenn nicht hart an der Würdelosigkeit. Nicht ihre Liga. Lüge!
Natürlich schon ihre Liga, aber das brauchte ja niemand zu wissen.
„Nein, Polly, ” lautete seine süffisante Antwort, „da ist keine Frau. Es liegt an dir, hast du mich, an dir. Das Zusammenleben mit dir ist wie ...
wie Spazierengehen in einem Tretminenfeld.” Eine glasklare Ansage. Selten für Max, der eigentlich zu den Sowohl-als-auch-Lavierern zählte. So klar, dass es schmerzte. So sehr, dass ihr jetzt kein Text mehr einfiel. Ein äußerst ungewöhnlicher Zustand für Polly. In etwa so rar wie eine natürliche Todesursache im gehobenen sizilianischen Cosa Nostra-Milieu. „Was werden wir dem Kind sagen?” fragte sie, als Max die Klinke gerade runter drücken wollte. Ihre Stimme kippte dabei in gefährliche Nähe der Falsetto-Zone und das galt es unter allen Umständen zu vermeiden. Das Ziel war eine souverän-verrauchte Simone-Signoret-Tonlage, „Fällt dir das nicht ein bisschen spät ein?” Oh ja, natürlich musste er sich jetzt noch im Abgang auf ihre in seinen Augen mehr als lausige Mutterschaft drauf setzen. Klar doch, Alter! Der Punkt ist immer ein sicherer Treffer..
„Ich habe ihr noch nichts gesagt, das werden wir gemeinsam tun, wenn ich mich einmal installiert habe.” Installiert? Hallo, geht’s noch? „Wo willst du dich denn installieren, Max?” „In einer Zwischendeponie für desperate husbands”, grinste er, ganz verliebt in sein Witzchen.
Vor zwei Tagen waren sie noch bei dieser Feng-Shui-Faschistin gesessen, die im Hauptberuf Paartherapeutin war. Das Plätschern des Zimmerbrunnens stimulierte verlässlich ihren Harndrang. Die Frau hieß noch dazu Stowasser, was zusätzlich animierend wirkte.
„Polly und Max”, hatte die Stowasser angemerkt, „ich denke, ihr müsst einfach mehr Zeit miteinander verbringen. Etwas gemeinsam unternehmen, den Alltag ausklammern ...” Dabei hob sie ihre Arme aufgeregt auf und ab. So dass die Ärmel ihres finsteren Yamamoto-Zeltkleids wie bedrohliche Krähenflügel flatterten. Für so eine absolute Super-Binse, die so etwas wie das arithmetische Mittel zwischen Paolo Coelho und dem hundertjährigen Bauernkalender darstellte, legten sie 85 Euro pro 50 Minuten auf den Tisch.
Sie hatte sich wirklich lange angestrengt, diese Binsen-Ratschläge irgendwie ernst zu nehmen. Oder zumindest, so zu tun als ob. Nur eben vorgestern nicht mehr.
„Siehst du, Max!” hatte sie sich daraufhin ihrem in verschränkter Verkrampfheit da sitzenden Demnächst- Ex zugerufen, „die Frau Magister meint, wir sollten mehr gemeinsam unternehmen. Und genau deswegen finde ich, sollten wir den Paartherapeuten wechseln.”....

Lesen Sie weiter: „Venus im Koma”, bei Amalthea, 255 Seiten, 19 Euro 95, bei www.thalia.at erhätlich.


 
powered by www.itpm.at I Kontakt I Impressum