LESEPROBE "NUR IDIOTEN SIND GLÜCKLICH"

Knietief im Glamour
Alarmstufe roter Teppich. Er sah sich in den Spiegel. Tom Ford war ein eitler Fatzke. Aber das mit den Smokings hatte er noch immer am besten drauf. Und der Inhalt des Smokings war auch nicht von schlechten Eltern. Mein lieber Schwan! Mit seinen 42 sah er noch immer aus wie ein Mann, für den ein Kirchenfürst getrost ein Fenster eintreten würde.
OK, es gab zwar in Hollywood eine Reihe Milchbubis mit eigenartigen Namen wie Orlando oder Joaquin, die in sein Fach drängten. Und –verflucht noch einmal - diese Flachwichser hatten ihm in den letzten Jahren mehrfach den Ordenstitel „Sexiest Man Alive“ im „People“-Magazin streitig gemacht. Auf diesen Hut, der im Business den Kurswert verlässlich in die Höhe schnellen ließ, hatte er über Jahre nahezu ein Abonnement besessen.
Ab 35, in Hollywood die Lebensphase, in der bereits viele über dem Hügel drüber waren, war sein Aussehen dann leider in Arbeit ausgeartet. Irgendwann kann man von seinem genetischen Konto nicht mehr immer nur abheben, sondern musste bar einzahlen. Und zwar regelmäßig. Er hatte sich einen eigenen Fitnesstrainer geheuert, der wie ein ägyptischer Pharaonensklave aussah und ihm fünf Mal die Woche an den Maschinen die Peitsche gab; auf Drehs reiste Lou, so hieß sein Züchtigungsmeister, einfach mit. In den oft elendslangen Pausen gab’s kein Fackeln – unter 70 Liegestütze mit einer Hand brauchte er Lou, in dessen Grinsen eine Schuhbürste bequem Platz hatte, gar nicht zu kommen. Ein sehr aufgeregter und sehr schwuler Food-Coach hatte ihm einen strikten Ernährungsplan zusammengestellt, nachdem er sich drei Tage lang in einem Labor um 8000 Dollar wie ein Weltklasse-Astronaut durchtesten ließ. Mit dem Ergebnis, dass er von rotem Fleisch eher die Finger lassen sollte, und an einer gewaschenen Ziegenkäseunverträglichkeit litt. Ziegenkäse war sowieso Mädchenkram, doch die Sache mit dem roten Fleisch ging ihm auf den Geist. Ab und zu brauchten richtige Männer auch in diesem cholesterinparanoiden Zwergenstaat namens Hollywood einen vor Fett triefenden, mittel durchgebratenen Burger, der von einem dichten Kranz Fritten umgeben war. Doch sowas kam der „sexiest woman alive“ sowieso nicht auf den Speiseplan; eher wäre sie tot über dem Gartenzaun gehangen, als dass sie in ihrer Schlafsaal-großen, von einem Feng-Shui – Meister oder sonst auf irgendeinen fernöstlichen Tralala spezialisierten Guru aus gependelten Küche ihm solches Prol-Futter heraus gebrutzelt hätte. Wenn die Kinder das sehen würden – Himmel Hindu-Gottheit - null Vorbildwirkung. Schließlich bekamen die armen, kleinen Racker von einer in der französischen Schweiz ausgebildeten Köchin ständig organisches Zwergzucchini-Püree oder Karotten-Quiche aus Vollkornmehl zubereitet. Wieviele waren es eigentlich zur Zeit?.........................................

Zierfisch-Alarm
Das Match hatte drei Jahre gedauert und jetzt, jetzt hatte sie gewonnen. Sie konnte es noch immer nicht glauben. Dort unten quetschte sich ihr Triumphwagen in eine Parklücke vor dem Haus. „Fix & Flott”-Transporte stand in einer roten Wirtschaftswunder-Schrift auf der fleckigen weißen Plane des Triumphwagens zu lesen, darunter „Entrümpelungen, Umzüge, Verlassenschaften“. Verlassenschaften. Das Wort passte in ihrem Fall wie maßgemacht. Denn ja, er hatte seine Frau verlassen. Ehrlich gesagt: Kein Gummibärchen hätte sie mehr darauf verwettet. Und dann hatte er vor zehn Tagen in einem beschissenen Kongresshotel in Linz, wo er gerade geschäftlich zu tun hatte, er war in der Pharmabranche, plötzlich bei einem äußerst mäßig gekühlten Weißwein, Pinot Grigio, den sie sich nach der schnellen Nummer, für die sie extra angereist war, aufs Zimmer kommen ließen, den Satz gesagt: „Ich möchte, dass wir zusammen sind.” „Wie zusammen?”
„Ganz, mit allem drum und dran. Ich habe ihr gesagt, dass ich bei dir einziehen werde.”
Seltsamerweise war in diesem Moment kein Glücks-Tsunami über sie gedonnert, sondern nur der Gedanke: „Vielleicht könnte man mich zuerst einmal fragen, ob ich überhaupt will, dass du bei mir einziehst.”
Diese kleine Irritation hatte aber nur ein paar Sekundenschläge gedauert, dann machte sich verzögert die Freude über diese unerwarteten Schicksalsrumpler breit. Drei Jahre, nun das wäre übertrieben, aber zwei zumindest, hatte sie sich diesen Moment in ihrer Wunschphantasien zurecht gezimmert. Nie in einem Linzer Kongresshotelzimmer mit erbsengrünem Spannteppich, sondern an illustren Schauplätzen wie dem „Russian Tearoom“ in New York , vor dem Haifischbecken im „Haus des Meeres” oder in einer einsamen Almhütte auf dem Loser in Altaussee. Das Leben hat nun einmal immer wieder eher einen Sonderangebotscharakter, aber die Tatsache, dass er sich jetzt mit jeder Faser für sie entschieden hatte, macht auch Linz wett. Schluß mit dem demütigenden Dasein der Zweitfrau, das sie drei Jahre lang gelebt hatte.
Wobei sie weniger die Heimlichkeiten, die Verhältnisse mit verheirateten Männern so an sich haben, gestört haben, sondern zunehmend die Tatsache, dass ihr Kurswert unkommentiert unter dem der Ehefrau lag, die an hohen Feiertagen oder dem Supergau-Datum aller Singles, Silvester, immer den Vorrang hatte. Die heimlichen Treffen an verschwiegenen wie absurden Orten wie der Wiese oberhalb von Grinzing, auf der ein Gedenkstein zu Ehren Sigmund Freuds und dessen Erfindung der Traumdeutung errichtet war, oder einer Zigeuner-Kaschemme in Simmering, besaßen immer einen erotischen Prickelfaktor. Die gestohlenen Stunden hatten natürlich immer einen weit höheren Bedeutungstarif, als wenn sie ohne Tricks und Täuschungsmanöver zustande gekommen wären.
„Vergiss’ es, wenn sie nach sechs Monate nicht in die Gänge kommen,” hatte ihr ihre beste Freundin, eine flotte Single-Gynäkologin mit langjähriger Erfahrung in der zwischengeschlechtlichen Nahkampfschule, nach dem Ende des ersten Jahrs geflüstert, „dann werden sie es nie tun.” Sie erklärte diese Liebesformel mit einem biochemischen Prozess, der in der ersten Phase Verstand und Vernunft verlässlich außer Kraft setzt und das Hirn wie unter Drogen setzt. Nach drei bis maximal sechs Monaten würde sich dieser Zustand wieder normalisieren und dann ab in die Ausnüchterungszelle, dem Reality-Check der Gefühle sozusagen. Sie hatte ihn in der Praxis ihrer flotten Gynäkologin-Freundin kennen gelernt, wo sie auf ihren Termin wartete. Wechsel-Panik wieder einmal...........

Wie geht’s dir eigentlich so?
Ticktack - ticktack. Der Madonna-Song hatte schon immer an ihren Nerven gescheuert. Ebenso wie die Votragende selbst. Dieser affige Lorelei-Wellenfall, all der Flittchenglitter und Schlampenlook bis zum Pensionsalter – schlafen die Berater?
Aber ein Durchsetzungsvermögen de luxe, davon könnte man zwei, drei Schnittchen gut gebrauchen. Der Rouge-Noir-Nagellack auf ihren sorgfältig pedikürten Zehen war längst trocken; das Lammfilet zum Kilopreis von 32 Euro in Rosmarin und Wildknoblauch mehr als ausreichend lang mariniert; der hysterische Rotwein dekandiert. Der G-String zwickte wie immer. Sexappeal ist nun einmal keine Kinderjause. Sie sah auf die Schweizer Bahnhofsuhr, die über ihrem fünfflammigen Gastroprofi-Herd mit Wok-Feuerstelle hing. Sie hatte ihn sich nach dem ersten Vorschuss für „Kleines Spenderherz, schlag weiter“ gekauft. Eine Transplantations-Tragödie im Migranten-Mileu – Organhandel, jede Menge existentielle Konflikte und ein wunderschönes, blasses Schneewittchen-Mädchen, das die Nummer mit den bebenden Lippen wie bestellt drauf hatte. Eigentlich nicht ihr Genre, weil jede Menge idiotischer Verfolgungsjagden, also definitiv kein Mädchenkram, wie sie ihn sonst aus dem Ärmel in die Tasten schüttelte, aber trotzdem fünf Millionen Zuschauer im Hauptabend. Der Senderchef hatte sogar einen Strauß faustgroßer Vivaldi-Rosen nach der Ausstrahlung geschickt. „Ein Knüller. Tüchtiges Mädchen! Ihr Hans-Jörg“, stand auf dem Begleitschreiben zu lesen. Tüchtig, tüchtig – das Wort verursachte ihr Sodbrennen. Tüchtig waren Sennerinnen und Krankenschwestern und Großkantinen-Köchinnen. Nebbich. Sie wollte genial und mysteriös sein. Und deswegen hatte sie sich auch diesen vertrottelten Agent-Provocateur-G-String angeworfen – 120 Euro zwischen den Arschbacken, dabei waren wir doch mitten in einer Krise.
Lähmend langsam bewegte sich der Minutenzeiger. Das Idiotische an der Zeit war, dass sie, immer, wenn man genug davon hatte, nicht von der Stelle kam, aber dann, wenn man sie wirklich dringend gebrauchen könnte, sich verflüchtigte wie nichts. Jetzt verflüchtigte sich nichts wie nichts, der große Stillstand. Tick-tack, tick-tack. Schon 32 Minuten im Minus, totes Handy, Elender! Warten, immer nur Warten. Eine Liebe wie ein einziger Wartesaal. Und zwar von der Stunde Null an. Das Warten war Teil der Choreographie, die sie in den letzten eineinhalb Jahren miteinander einstudiert hatten. Er war ein wirklicher Profi in der Disziplin Dosierung von Vorfreude. Im Auswerfen des Köders. In Form eines Versprechens für ein Endlich-nur-wir-zwei-Wochenendes oder einer Einladung, bei den Proben im Theater zuschauen zu können: „Damit du endlich einmal all die Wahnsinnigen kennen lernst, Schatzerl.”
Beim Köderwerfen konnte er sehr schön schauen, der Fritz. Mit seinem alternden, eitlen Bubengesicht. Dann kam natürlich immer was dazwischen in so einem Schauspielerleben. Texte, die man sich nicht merken konnte; eine Katastrophe von Kostümprobe, eine Kollegin, die die Abschiedsszene noch einmal en deux intensivieren wollte und keine Fremden beim Probieren ertragen konnte.
„Willst du einen Bankbeamten oder einen Künstler,“ fragte er dann gerne in ihr fassungsloses Schweigen. Künstler?! Wie drollig. Was war denn das bitte für eine Kunst, ständig in fremder Leute Geschichten herum zu stolpern. Einmal in den Kasperl, dann wieder in das Krokodil oder – im schlimmsten Fall – den Part des Drolligen vom Dienst, den Petzi, zu schlüpfen.
„Schauspieler ist kein Beruf für erwachsene Menschen,” hatte ihr einmal ein so richtig traurig getrunkener Doyen auf einem Set geflüstert, der mit großer Dankbarkeit die Rolle eines Landarzt-Witwers angenommen hatte. Der neue Maßanzug tragende und Cabrio fahrende Theaterdirektor aus dem Ruhr-Pott hatte ihn in seinem Bühnen-Stammhaus, in dem er über 30 Jahre die Weltliteratur abgespult hatte, kaum mehr nennenswerte Rollen zugeteilt. Allenfalls einen gichtgeplagten Kammerdiener, der in einem Tschechow-Kirschgarten noch sein Gnadenbrot bekam. Wie entwürdigend. Doch von soviel Erkenntnis-Kälte war ihr, der Fritz, noch Lichtjahre entfernt. Der Fritz. Ein so kurzer wie schmerzloser Allerweltsname. Aber schmerzlos war bei dieser „amour fou“ gar nichts.
„Wir sind mitten im Probieren, Liebes, der Regisseur ist diesmal ein besonderes Arschloch,“ hatte er am letzten Freitag hektisch ins Telefon geflüstert, „ich schaff’s nicht, bitte sei nicht böse! Ich finde den Ton für den Feldmarschall noch nicht, ich hasse dieses Stück, was für eine Talent-verschwendung....”
Ichichichich. Manchmal machte sie in ihrem Inneren Stricherllisten, wie oft er es schaffte, das Wort Ich in einem einzigen Gespräch, eigentlich war es immer viel mehr ein Monolog, unterzubringen..........


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