Kolumnen

„Chaos de luxe“: Au revoir, FOMO! – 12.09.2026

Vom Umgang mit der neuen Droge Zeit

Ich habe beschlossen, mir ein Geschenk zu machen: Zeit! Weniger arbeiten. Die Grundvoraussetzung, um mit dieser neuen Droge wohl dosiert umzugehen, ist sich von FOMO (Fear of Missing Out), also Versäumnisangst, zu befreien. Man ist ja schon ein paar Mal mit lauwarmem Sekt im Kies gestanden, hat sich bemüht, das kredenzte Fingerfood-Türmchen ohne gravide Würde-Einbußen zu verputzen und dabei ödes Zeugs von sich zu geben, durch das Worte wie „Da hat sich ein toxisches Narrativ festzementiert“ purzeln. Die Almodovar-Actrice Rossy de Palma hat kürzlich auf Insta erklärt, dass 60 die Pubertät des Alters ist, und ich umarme jetzt diese These. Mein ganzes Mutterdasein habe ich mich abgestrudelt. Im Job bekam man missbilligende Blicke, wenn man früher los musste, um am Elternsprechtag dann von irgendeinem Lehrer den Satz „Na, schön, dass man Sie auch einmal zu Gesicht bekommt “ reingewürgt zu bekommen. Wenn Gäste angesagt waren, quälte man sich vor deren Erscheinen mit Ottolenghi-Eskapaden, für die man eigentlich nach Jerusalem auf den Straßenmarkt hätte reisen müssen, um die richtigen Gewürzzutaten auffahren zu können. Stress an allen Fronten. Wenn ich im Spiegel mein unpoliertes Gesicht sehe, muss ich an den deutschen Dramatiker Heiner Müller denken, der in solchen Fällen sich zuzukläffen pflegte: „Kenn ich nicht, wasch ich nicht.“ Tja, diese Jahre vor dem Pflug waren der Optik nicht unbedingt zuträglich. Kürzlich spazierte ich auf der Prater Hauptallee und sah einer jungen Mutter zu, die ihrem sirenenartig kreischenden Kind beim Meltdown zusah. Sie sah mich an und sagte: „Krieg ein Kind, haben sie gesagt, das ist lustig, haben sie gesagt … Und ich Idiotin hab’ auf sie gehört.“ „Es kommt soviel zurück“, gurrte ich, „es ist nur die Frage, was.“